Storytelling

Geschichten über Geschichten

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1. Was ist Storytelling?

Storytelling ist die Kunst Geschichten zu erzählen, die sich nachhalting einprägen. Es diente schon immer dem impliziten und expliziten Wissenstransfer, da es Informationen oder Erfahrungen bildhaft emotionalisiert und damit für das Gehirn des Zuhörers optimal aufbereitet.

 

2. Warum ist Storytelling wichtig?

Wir erschließen uns unsere Welt durch Erzählungen. Durch die Versprachlichung der eigenen Erfahrungen können wir diese mit anderen teilen. Wir können Erlebnisse austauschen, sie ortnen, interpretieren und alternative Welten erschaffen. Die Möglichkeit Hypothesen zu entwerfen, erlaubt es die Zukunft immer wieder neu zu gestalten. Auch unser Selbstbild ist ein Narrativ, das wir, je nachdem was wir über uns denken, verändern können. Storytelling verändert damit unsere Einstellungen und unser Denken.

    3. Was ist eine Geschichte?

    Geschichten haben einen Protagonisten, der mit Konflikten und Hindernissen zu kämpfen hat. Diese antagonistischen Kräfte hindern die Hauptfigur daran sein Ziel zu erreichen.

     

    3.1 Was ist eine Entwicklungsgeschichte?

    Der Protagonist durchläuft durch die Auseinandersetzung mit seinem Konflikt einen inneren Erkenntnisprozess, der ihn durch eine Katharsis zu einer Wandlung führt. Er ist am Ende der Geschicht ein anderer Mensch mit einer neuen Haltung seiner Welt gegenüber.

     

    3.2 Was ist ein Plot?

    Der Plot einer Geschichte stellt die explizite äußere Handlungsebene dar. Der Subplot ist eine Nebenhandlung. Die eigentliche Geschichte, das heißt das womit sich die Figur im Inneren auseinander setzt, versteckt sich implizit im Subtext einer Erzählung.

     

     

     

    4. Woher kommt Storytelling?

    Jeder kennt sie, die Schauergeschichten von Jack the Ripper, die Sage von Siegfried, die Legende vom Big Foot. Geschichten, die zu Legenden wurden und ins kollektive Unterbewusstsein eingegangen sind. Angefangen hat Storytelling jedoch als einfaches Instrument, um Wissen von einer Person auf die andere zu übertragen. Dies geschah zu einer Zeit als es keine Schrift und wahrscheinlich auch noch keine Sprache gab. Man berichtet sich durch Zeichen und Laute, wo Nahrung zu finden ist und was für Gefahren auf dem Weg lauern.

    Die rasante Entwicklung der Menschheit ist eng gekoppelt an den Wissenstranfer von einer Person auf die andere. Dadurch können Erfahrungen auf viele weitere Personen übertragen werden. Es gab dafür zwei wesentliche Techniken. Einerseits die Immitation. Das simple Vorleben und Nachmachen. Und auf der anderen Seite der Wissenstransfer durch Beibringen. Dieser Wissenstransfer geschah unbewusst durch Methoden des Storytellings.

    Denn Spannung und Relevanz sind wesentliche Eckpunkte des Geschichten erzählens. Der Zuhörer will wissen, wie es ausgeht und kann sich im Nachhinein an viele Dinge errinnern. Oft reden wir scherzweise von „Kopfkino“ und meinen damit die bildhafte Vorstellung von Situationen und ihren Abläufen. Je konfliktreicher der Weg und je relevanter die Frage ist, desto besser können sich Personen an die Geschichte erinnern.

     

    5. Wieso ist Storytelling so erfolgreich?

    Storytelling setzt dort an, wo alle Informationen zusammenlaufen und verarbeitet werden. Im menschlichen Gehirn. Je relevanter wir eine Information für uns wahrnehmen, desto besser und länger wird sie auch gespeichert. Das liegt an der Arbeitsweise unserer Neuronen und an der Art und Weise, wie das Hirn visuelle und auditive Reize verarbeitet. Dabei spielen diese vier Faktoren eine bedeutende Rolle:

     

     

    Wenn wir eine Geschichte hören oder sehen, beginnen unsere Spiegelneuronen automatisch das Erzählte / Gesehene zu reflektieren. Dabei werden über das motorische (Broca) und sensorische (Wernicke) Sprachzentrum hinaus, weitere Gehirnareale aktiviert, die bei der reinen Informationsverarbeitung nicht benötigt werden. Sobald in diesen Prozess Emotionen einfließen, schüttet das Gehirn dazu passende Botenstoffe aus. Sehen wir uns z.B. eine romantische Komödie an, wird für gewöhnlich Dopamin und Oxytocin ausgeschüttet. Diese Neurotransmitter bringen uns während dem Film zum Lachen und lassen bei uns auch im Nachhinein, das Bedürfnis nach Nähe entstehen. Das führt zusätzlich zu erhöhter Handlungsbereitschaft. Und damit sind wir selten allein.

    Das Neural Coupling, also die „neurale Kupplung“ ist dafür verantwortlich, dass bei völlig Fremden ähnliche bis gleiche Reaktionen auftreten. Wie in der Grafik beschrieben, synchronisieren sich die neuronalen Muster (im jeweils angesprochenen Kortex) der Zuhörer mit dem des Erzählers. Damit ist ein guter Erzähler dazu in der Lage, neben seinem Wissen auch seine Gedanken und Gefühle auf das Publikum zu übertragen. Es gibt jedoch einen entscheidenden Faktor, der verhindert, dass jedes Gehirn gleich reagiert. Und das sind unsere eigenen Erfahrungen. Diese werden bei der Verarbeitung jeglichen Inhalts mit diesem verglichen und mitverarbeitet. Darum findet letztlich bei jedem Rezipienten eine einzigartige, biochemische Reaktion statt.

     

    6. Was hat Storytelling mit dem Menschsein zu tun?

    Storytelling war eng gekoppelt an die Entwicklung der Sprache, auch wenn es durch die modernen Technlogien heute auch die Möglichkeit gibt Visual Storytelling zu betreiben. Wieso haben wir Menschen eine so differenzierte Sprache und andere Primaten nicht? Wieso haben auch Waale durch ihren Gesang eine Sprache und andere Säuger nicht? Laut der Paläoanthropologin Dean Falk ist die frühe Mutter-Baby-Interaktion die Ursache dafür. Der Frühmensch hatte sein Fell verlohren. Das Baby konnte sich nicht mehr in dem Fell festhalten. Die Mutter musste das Kind daher öfter auf den Boden legen. Daher war es wichtig, dass das Baby der Mutter Signale gibt, wenn es sie braucht und auch die Mutter dem Baby Signale zurück geben kann, um es zu beruhigen. Sprache ist die Kompensation eines Defizits. Dieses Defizit haben Waale ebenso. Babys sind auch dort im freien Wasser darauf angewiesen den Kontakt zu halten. Und der Kontakt erfolgt durch Laute. Diese Laute entwickelten sich bei den Menschen zu einer ausdifferenzierten Sprache, die erst ermögicht hat Geschichten zu erzählen.

    Storytelling ist auch heute noch entscheidend für den emotionalen Kontakt zu unseren wichtigsten Bezugspersonen. Wenn Eltern ihren Kindern vorlesen, so hat dies eine hohe Bedeutung für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Es gibt ihnen Geborgenheit und Vertrauen. Sie sind deutlich fröhlicher und selbstbewusster. Aber sie sind auch lebhafter und mutiger. Die „Vorlesestudie 2011“ hat gezeit, dass sogar die Schulnoten von Kindern, denen in der Kindheit vorgelesen wurde signifikant steigen. Dies zeigt sich auch viele Jahre danach, bei der Leistung von jungen Erwachsenen. So gilt der Spruch: Wer früh liest wird später schlau. Und noch ein ganz irrer Zusammenhang: Kinder denen vorgelesen wurde, treiben mehr Sport. Sie sind also nicht nur geistig, sondern auch körperlich gesünder.

    Es gibt also einen Zusammehhang zwischen Sprache, Leistung, Emotion und Storytelling. Je öfter wir uns relevante Geschichten erzählen, desto enger werden unsere emotionalen Bindungen zueinander. Dadurch verbessern sich nicht nur die sprachlichen Muster, sondern sogar unsere motorischen und geistigen Fertigkeiten.

      7. Wo findet man Storytelling?

      Das Storytelling zählt zu den ältesten Kommunikationsformen der Menschheit und dient bis heute dem Wissenstransfer. Denken Sie an ihre Schulzeit. „Peter kauft 2 Äpfel und 5 Bananen.“ Ist das bereits Storytelling? Und wenn nicht, was müsste man ändern, um daraus eine Geschichte zu machen?

      Genauso wie Unternehmen und die gesamte Medienbranche versucht auch unser Bildungssystem auf Storytelling zu setzen, um Informationen und Wissen möglichst dauerhaft in den Köpfen der Schüler zu verankern. Allerdings fehlt an dieser Stelle noch ein zentraler Schritt, um von einer Vorgangsbeschreibung zur Geschichte zu werden. Eine Story braucht eine antagonistische Kraft, die den Protagonisten, durch einen Konflikt oder ein Hindernis, am Erreichen seines Ziels hindert. Es muss also ein Problem gelöst werden, das sich durch eine Frage stellen kann.

      „Peter kauft 2 Äpfel und 5 Bananen. Wie viel muss er zahlen?“ Hier wird zumindest schon eine Frage gestellt. Das Problem ist, dass diese Frage keine Relevanz hat. Wenn wir wüssten, dass Peter nur sehr begrenzete Mittel hat, oder dass es ihm besonders wichtig ist noch etwas anderes zu kaufen, dann würde sich die Relevanz erhöhen und damit ein Konflikt entstehen.

      „Peter hat gerade viel Sport gemacht. Er hat 3 Euro zur Verfügung und für 1,25 Euro bereits eine Wasserflasche gekauft. Für den Geburtstag seiner Freundin will wer einen Kuchen backen und bracht 2 Äpfel und 5 Bananen.“ Dies könnte bereits der Anfang einer kleinen Geschichte sein. Denn hier ist ein Protagonist, der wahrscheinlich nicht alles erreichen wird. Er muss sich entscheiden ob er seinen Durst löscht oder seiner Freundin einen Kuchen backen will. Dieses Dilemma ist auch nicht trivial, da es um enge Beziehungen geht. Je enger dabei die Bindungen zwischen dem Protagonisten und den relevanten Personen aus seinem sozialen Umfeld ist, umso besser funktioniert die Geschichte.

       

      8. Was kann Storytelling?

      Geschichten erlauben uns einen Blick in Vergangenheit Gegenwart und Zukunft, egal ob wir sie lesen, hören oder ansehen. Eine einzige Geschichte kann abertausende Menschen zum Handeln bringen, oder aber einen Einzelnen von seinem Handeln abbringen. Geschichten bringen uns zum Lachen oder zum Weinen, mal abwechselnd und mal zugleich. Sie lassen uns vor Schreck nach Luft schnappen, vor Spannung den Atem anhalten und voller Erleichterung wieder ausatmen.  Sie bringen Menschen aus aller Welt zusammen, schaffen Communities,  Freundschaften und Beziehungen aller Art. Und manche sagen sogar, Geschichten seien in der heutigen Welt der letzte zuverlässige Anker in einer stetig wachsenden Flut an Informationen.

      Storytelling bzw. die Storytelling Methode, ist in den richtigen Händen ein machtvolles Kommunikationsinstrument, dessen Wurzeln zu den ersten Menschen zurückreichen. Damals malte man seine Geschichten an Höhlenwände, heute finden wir sie in Filmen, Videos, Büchern, Vorträgen und Theatern, auf Plakaten, Bannern, Verpackungen und natürlich überall im World Wide Web.